Eintrag 06 · Frauenserie Kapitel 5 von 6
Ein Prozent. So viel des weltweiten pharmazeutischen Forschungsbudgets fließt in Erkrankungen, die ausschließlich Frauen betreffen. Betroffen davon: ungefähr die Hälfte der Menschheit.
Das ist keine Verschwörung. Es ist schlimmer — es ist einfach nie jemandem wichtig genug gewesen.
Nach dem Contergan-Skandal in den Sechzigern zog die Forschung eine Konsequenz: Frauen wurden aus klinischen Studien weitgehend ausgeschlossen. Gut gemeint, katastrophal in der Wirkung. Denn was danach als Standard galt, war der männliche Körper — bei Dosierungen, bei Symptomen, bei allem.
Dazu kam ein praktisches Argument: Der weibliche Hormonhaushalt schwankt. Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre. Das macht Studien komplizierter und teurer. Also ließ man es. Jahrzehntelang.
Herzinfarkte bei Frauen äußern sich anders als bei Männern — Rückenschmerzen, Übelkeit, Erschöpfung statt des klassischen Brustschmerzes. Ergebnis: Sie werden später erkannt. Bei Endometriose dauert es bis zur Diagnose im Schnitt bis zu zehn Jahre. Und Wechseljahresbeschwerden werden bis heute regelmäßig als psychische Probleme fehlgedeutet statt als das, was sie sind: eine hormonelle Umstellung mit messbaren körperlichen Folgen.
Frauen leben länger als Männer. Sie verbringen dabei rund ein Viertel mehr Lebenszeit in schlechterer Gesundheit.
Es ist nicht so, dass sich die Investition nicht lohnen würde. Ein aktueller Report rechnet vor: Jeder Dollar, der in Frauengesundheitsforschung fließt, kommt vierzigfach zurück — durch weniger Ausfalltage, höhere Produktivität, geringere Folgekosten. Die wirtschaftlichen Argumente liegen seit Jahren auf dem Tisch. Passiert ist trotzdem wenig.
Wenn dir dreißig Jahre lang niemand eine brauchbare Antwort gibt, fängst du irgendwann an, selbst zu suchen. Genau das ist die Bewegung, die wir in dieser Serie beschrieben haben: Frauen, die Studien lesen, Wirkmechanismen verstehen, Belege verlangen. Das ist keine Marotte. Das ist die logische Reaktion auf ein System, das sie jahrzehntelang übersehen hat.
Immerhin bewegt sich etwas. Deutschland hat erstmals einen eigenen Förderschwerpunkt Frauengesundheit im Bundeshaushalt verankert, unter anderem für Versorgungsforschung zu Wechseljahren. Spät, aber es ist ein Anfang.
Wir können die Forschungslücke nicht schließen. Was wir können: nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Wir schreiben nicht über Wirkungen, die wir nicht belegen können, und behaupten keine Antworten, die die Wissenschaft selbst noch nicht hat. Was wir belegen können — Reinheit, Identität, Herkunft jeder Charge — legen wir offen. Für Frauen, die es leid sind, Behauptungen glauben zu müssen.
Letzter Teil der Serie: der Unterschied zwischen Konsumentin und Forscherin.